Das in der British Library in London aufbewahrte
Splendor Solis ist das schönste Traktat, das jemals über die Alchemie verfasst wurde. Der 1582 entstandene Kodex kann unter seinen Illustrationen mit wahren Wunderwerken aufwarten, deren Fantasie und lyrische Ausdruckskraft selbst die auf diesem Fachgebiet wenig Beschlagenen in ihren Bann ziehen. Dieses prachtvoll illustrierte Traktat wird Salomon Trismosin, möglicherweise ein Pseudonym von Ulrich Poysel, eines Lehrers des berühmten Paracelsus, zugeschrieben. In ihm werden auf den 22 ganzseitig illustrierten Blättern Grundfragen der Kabbala, Astrologie und des alchemistischen Symbolismus mit einer außerordentlichen chromatischen Vielfalt und nahezu barocker Liebe zum Detail dargelegt.
In diesem Band stoßen wir auf 22 großformatige Malereien, um die sich Motive aus der Blumen- und Tierwelt ranken, die stilistisch gesehen in der nordeuropäischen Tradition der Renaissance-Miniatur stehen. Alle Illustrationen sind - so wie dies der Kontext und der Inhalt des Werks verlangen – schwieriger und hermetischer Interpretation. Als besonders bedeutsam erweisen sich dabei die bereits berühmten Glaskolben, die ihrerseits in ein prächtiges Hauptgemälde eingebettet sind, umgeben von typischen Szenen des Lebens auf dem Lande und in der Stadt im spätmittelalterlichen Deutschland und beherrscht von der himmlischen Darstellung einer heidnischen Gottheit, die dem gesamten Bild Kohäsion und Sinn zu geben scheint.
Die Motive im Inneren jedes einzelnen Kolbens – allegorische Abbildungen, mit anregender Poetik und einer überschäumenden Fantasie – stellen den Glanz des mystischen Wissens von Trismosin dar, das – so wie er selbst erzählt – durch die „magischen Bücher der Kabbala» erworben worden ist. Tatsächlich bringt uns das Traktat kryptisch und außergewöhnlich poetisch, auf eine verschlüsselte aber präzise Art die Schlüssel der Naturelemente, ihre Kombinationen, ihre Mischungen, ihre Kräfte und ihre Einflüsse näher.
Der Kodex besteht aus 100 Seiten, die in einer ausgewogenen germanischen gotischen Schrift auf Deutsch verfasst sind. Der Text wird von Initialen geschmückt, deren enorme Größe und spektakuläre Dekoration von sich aus schon Grund für ästhetischen Genuss sind.
Die Geschichte des Kodex selbst erweist sich als nicht weniger interessant. Der heute als «Harley 3469» bezeichnete wurde von John Evelyn, Hofmaler unter König Charles II. von England in der Whitehall Palace-Bibliothek am 2. September 1680 gesehen; über ihn schrieb er, dass er „die Prozesse für das große Elixir der Philosophen» enthalte und dass er von Malereien einer großen Schönheit verziert werde. Später gelangte er in die Hände des deutschen Theologen Johann Cyprianus und von dessen Erben in die Privatbibliothek der einflussreichen Aristokraten-Familie Harley, Mäzen von Künstlern und ausgesprochene Buchliebhaber. Die British Library kaufte ihn 1753 für den heute lächerlichen Betrag von 10.000 Pfund. Zur Zeit wird er als einer ihrer wertvollsten Schätze angesehen. Nicht umsonst ist der Splendor Solis das schönste und prächtigste alchemistischeTraktat, das jemals geschaffen wurde.