Kommentierte Anglo-Katalanische Dreifach-Psalter. Vom englischen 12. Jahrhundert zu Ferrer Bassa


Rosa Alcoy
 
Der Kodex
 
Der aus 177 Folios bestehende Kommentierte anglo-katalanische Dreifach-Psalter aus der Französischen Nationalbibliothek (MS. lat. 8846) ist in jeder Hinsicht ein außergewöhnliches Werk. In Studien über die englische Miniaturmalerei wird er als letzter der drei prächtigen Psalter angesehen, die im 11. und 12. Jahrhundert in der Kathedrale von Canterbury entstanden, wobei ein karolingisches Werk aus dem 9. Jahrhundert, der Utrecht Psalter, abgeschrieben un abgewandelt wurde. Allerdings muss man von Katalonien aus betrachtet gleichzeitig berücksichtigen, dass dieses Buch auch das ausgefeilteste und umfassendste Zeugnis der Kunst des Meisters Ferrer Bassa ist, das wir heute bewundern können.
 
In der Tradition des zweiten mit Canterbury verbundenen englischen Psalters, dem sogenannten Eadwine Psalter (12. Jahrhundert), reproduziert der Kommentierte anglo-katalanische Dreifach-Psalter die drei dem heiligen Hieronymus zugeschriebenen lateinischen Versionen oder Übersetzungen der Psalmen, die sogenannten Psalterium Romanum, Gallicanum und Hebraicum. Diese biblischen Texte werden zudem mit Glossen und Übersetzungen zwischen den Zeilen in der römischen und hebräischen Fassung ergänzt, die jeweils in Altenglisch und Anglonormannisch abgefasst sind. Die Psalter dienten zwar auch zu Studienzwecken, doch in Fällen wie dem hier vorliegenden waren sie zweifelsohne Schöpfungen, die ihrem Eigentümer in erster Linie hohes Ansehen eintrugen. Ihre Besitzer stammten aus den höchsten Ständen der jeweiligen Epoche und sind unter den einflussreichsten Herrschern zu suchen. Man darf auch nicht die dem König David zugewiesene Rolle vergessen, der als Verfasser der Psalmen gilt, und vor allem die unumstrittene Bedeutung seiner Musik bei dem Triumph über den Teufel und seinen Versuchungen. Daher ragt auch die Dimension der Gestalt als Vorläufer Christi heraus, ein Aspekt, dem bei der weiten Verbreitung und dem Erfolg dieses berühmten Buchs der Bibel ein hohes Gewicht zukommt.
 
Die meisten der von nur einem am Ende des 12. Jahrhunderts tätigen Schreiber kopierten Folios des Kommentierten anglo-katalanischen Dreifach Psalters wurden auf bewunderswerte Weise von erstklassigen Meistern illustriert, die für jeden einzelnen Psalm eine spezifische Gestaltung schufen. In der Tat müssen wir im Zusammenhang mit der Gliederung seines Textteils und auch in Funktion der Vorbereitungen des Raums und der Position, die jeder einzelnen Miniatur zukommt, von einer englischen Kodex-Manufaktur sprechen. Die englischen Miniaturisten konnten jedoch die mühsame Arbeit der Illustration, die sie sich vorgenommen hatten, nicht vollenden. Ihre Aufgabe, die sich auf die Darstellung von Miniaturen beträchtlicher Größe konzentrierte, die als wahre und kein Risiko scheuende Gemälde für ein gebildetes Publikum angelegt waren, musste zeitnah der Abschrift des Textes folgen.
 
Die Folios des Manuskripts, viele von ihnen noch unvollständig und ungebunden, müssen vielleicht unmittelbar nach ihrem Ausführungsprozess in katalanischen Gebieten angekommen sein. Man hat von einer möglichen Wanderwerkstatt gesprochen, die ihre Arbeiten anbot, da in Canterbury kein Manuskript identischen Malstils erhalten geblieben ist, wie er aus dem englischen Teil des Kodex sichtbar wird. Allerdings war es erst nach Anbruch des 14. Jahrhunderts, als ein in Barcelona ansässiger örtlicher Meister den Auftrag übernahm, es mit neuen aber ebenfalls prächtigen Gemälden zu vollenden.
 
Das Aufeinandertreffen von zwei verschiedenen Vorstellungswelten, der englischen und der katalanischen, zwischen denen mehr als hundert Jahre liegen, ist eines der den Kodex auszeichnenden Hauptmerkmale, das es rechtfertigt, ihn als „anglo-katalanisch“ zu bezeichnen. Diese Besonderheit verleiht ihm in der gesamten Kunstgeschichte eine einzigartige Sonderstellung. Obwohl andere Manuskripte existieren, die sich durch die Mitwirkung verschiedener, in zeitlicher Abfolge tätiger Werkstätten charakterisieren, ist das in diesem Kodex stattfindende Aufeinandertreffen so bereichernd und folgenreich, dass es sich lohnt, darauf einzugehen und zu versuchen, seine Ausnahmestellung sowohl aus englischer als auch katalanischer Perspektive zu erläutern.
 
Der Kommentierte anglo katalanische Dreifach-Psalter vereint in nur einem und dichten Band zwei ausgesprochen unterschiedliche Ansätze. Jeder von ihnen ist mit spezifischen künstlerischen Überlegungen verknüpft, die aus zwei Epochen und zwei schöpferischen Kontexten ganz eigener Prägung hervorgehen. Der erste Ansatz führt uns in eine ausgesprochen komplexe Zeit um das Jahr 1200. Es sind die Jahrzehnte, in denen die spätromanische Malerei allmählich von der Malerei der aufkommenden Gotik verdrängt wird. Die zweite Phase der Illustration ist eng mit dem beginnenden Einfluss der Protorenaissance in Katalonien verknüpft, die während der Regentschaften von Alfons dem Gütigen (1327-1336) und Peter dem Zeremoniösen (1336-1387) ihre Blütezeit erlebte. Es ist ein die Lehren Giottos aufgreifendes Universum, das sich auch den Beiträgen anderer seiner berühmten toskanischen Zeitgenossen gegenüber aufgeschlossen zeigt.
 
Beide Ansätze teilen ihre Vortrefflichkeit in einem Werk, das sowohl die herausragendste englische Malerei des ausgehenden 12. Jahrhunderts als auch die innovativste und interessanteste katalanische Malerei des 14. Jahrhunderts repräsentiert. Wie man weiter unten noch sehen wird, fügen einige der Verbindungen, die sich zwischen diesen beiden Darstellungswelten hoher Qualität aufzeigen lassen, einem für die Erforschung der europäischen Malerei des Mittelalters grundlegenden Buch neue Werte hinzu.
 
1. Der englische Beitrag aus dem 12. Jahrhundert: anglo-byzantinischer Höhepunk
 
Die englischen Meister, die aus der Werkstatt in Canterbury hervorgegangen waren oder mit dieser zusammenarbeiteten, erstellten den ersten Teil des Kodex. Sie sind in der ausgehenden Romanik anzusiedeln, als die große, Westeuropa ergreifende Welle des Philobyzantismus sich gerade auf einem ihrer Höhepunkte befindet. Das byzantinische Vorbild erklärt einige seiner Hauptmerkmale. In zeitlicher Nähe zum Jahr 1200 ist es jedoch unumgänglich auch auf die Fortschritte der beginnenden Gotik und die Beziehung des Psalters zu den Anfängen der neuen Stilrichtung, die sich nach und nach in den großen Zentren der Kunst in Nordeuropa durchsetzte, einzugehen. Es kann keinen Zweifel daran geben, dass die sehr wahrscheinlich bereits um 1180 tätigen englischen Illustratoren Erben der ruhmreichen Tradition der Insel zur Zeit der Romanik waren, die eine der brillantesten Phasen der englischen Kunst darstellt. Diese Werkstätten repräsentieren jedoch gleichzeitig ein erneuertes Kapitel, das sich seiner Möglichkeiten sicher ist, und ohne den byzantinischen Einfluss zu vergessen frühere Werke umgestaltet und ihnen neues Leben einhaucht. Die großzügige Verwendung von Gold und das Festhalten an einer freieren Bildhaftigkeit, parabyzantinisch und daher von einigen der strengen Vorgaben des orientalischen Musters abweichend, nähert die englischen Folios dieses Kodex der frühen gotischen Bildersprache an, diejenige, die wenig später die berühmten, dem Hofe und den Werkstätten in Paris zugeschriebenen moralisierenden Bibeln überschwemmt.
 
Wie bereits erwähnt, hängt der allgemeine Diskurs der englischen Illustratoren des Kommentierten anglo-katalanischen Dreifach-Psalters von anderen, ebenfalls englischen Manuskripten ab, die hauptsächlich das von dem in Utrecht konservierten karolingischen Psalter vorgegebene Modell interpretieren, ein Werk, das einen bedeutenden Einfluss auf die englische Miniatur des 10. und 11. Jahrhunderts ausübte. Von den erhaltenen Werken ausgehend kann man auf ziemlich befriedigende Weise die grafische Tradition erklären, welche die Basis für die englischen Miniaturen des Pariser Kodex lieferte. In diesem Werk erobern die Goldtöne und gesättigten Tinten die der Miniatur und den Initialen zugewiesenen Bereiche. Diese und andere Faktoren wurden zu Unterscheidungsmerkmalen einer Kunst, die uns der Wandmalerei und den Glasfenstern um das Jahr 1200 näher bringt.
 
Die ersten vier Folios des Buchs sind ganzseitig illuminiert worden. Die auf ihnen zu bestaunenden Vignetten definieren eine Art bewunderswerten Prologs, der eine ausführliche Zusammenfassung der Geschichte der Menschheit gemäß der Heiligen Schrift enthält. An erster Stelle ragen die Episoden der Genesis, die der Schöpfung und dem Sündenfall Adams und Evas gewidmet sind (Tafel 1), neben anderen alttestamentarischen Passagen heraus, in denen die Geschichte Israels und die seiner Könige geschildert wird. Auf Folio 2v werden die David gewidmeten Episoden mit zwei Schluss-Szenen aus dem Leben von Johannes dem Täufer zusammen gestellt. Beide dienen als Übergang zu einer Taufe Christi, die − obwohl sie den bisherigen Erzählstrang abbricht − zu den Szenen aus dem öffentlichen Leben überleitet, dem zwei vollständige Folios gewidmet sind (3 und 3v). Eine einzigartige und wohlgeordnete Wurzel Jesse füllt das folgende Blatt aus, um uns eine aussagekräftige Genealogie Christi und der Gottesmutter zu bieten. Auf einer Seite sind die eingerahmten Büsten von 18 Persönlichkeiten zu sehen, die sich zwischen spektakulären Blumen in raffinierter Zeichnung finden, wie man sie auch auf den Wandmalereien von Sixena wiederfinden kann. Die erste Gruppe der Illustrationen —in vier Registern von jeweils drei Vignetten organisiert —endet nach dem Stammbaum auf Folio 4v. Dort sind die Szenen aus der Kindheit Jesu dargestellt, die mit der Verkündigung beginnen. Dabei werden die zentralen Themen hervorgehoben, die im Zusammenhang mit der Fleischwerdung des Messias die Erlösung vorwegnehmen und besondere Bedeutung wird den Geschichten der Heiligen Drei Könige und denjenigen Szenen beigemessen, die den Tod Christi ankündigen oder symbolisieren, wie die Darstellung im Tempel oder der Kindermord von Bethlehem.
 
Ab Folio 5v verschiebt sich allerdings der Schwerpunkt und die Psalmen werden zu den wahren Protagonisten des bildhaften Diskurses, wir werden Zeugen einer Verkettung von schwer zu enträtselnden Bildern (Tafel 2). Ihr Inhalt steht in direktem Zusammenhang mit den Psalmen, poetischen und abstrakten Texten, die den Erzählfluss der ersten Seiten aufbrechen. Wir verlassen das Terrain der abgeschlossenen und wohlbekannten Episoden, um in eine weitaus komplexere Sicht des religiösen Phänomens vorzudringen. Jetzt muss jede einzelne der Illustrationen erklärt und begründet werden, damit sie richtig verstanden werden kann; häufig wird man sogar auf die Exegese zurückgreifen müssen, d.h. auf die Lektüre der Kommentare zu den Psalmen, die auch einige der Schlüssel bieten, die ihre Inhalte mit anderen Bibelstellen größerer Bedeutung in Verbindung bringen. Auf der Grundlage des Grundschemas, das von der Beziehung zwischen dem Psalmisten und den verschiedenen Äußerungen der Göttlichkeit vorgegeben wird, gestalten die Illustratoren die Schemata der älteren Psalter im Umfeld von Utrecht um, indem sie die Variablen eines neuen und modernisierenden Stils einführen, der sich auch an die Wandmalereien des Kapitelsaals von Sixena annähert, der heute im Nationalmuseum für Kunst von Katalonien (MNAC) zu besichtigen ist.
 
2. Die anglo-katalanischen Miniaturen: Kunst zu zwei Händen
 
1. Die Blätter der englischen Meister haben es uns ermöglicht, uns ein ausgesprochen ehrgeiziges Bildpanorama von außergewöhnlicher Qualität zu erschließen. Allerdings wissen wir bereits, dass diese Meister, Schöpfer monumentaler und elastischer Figuren und einer prächtigen und irrealen Vegetation, ihre Arbeit unterbrachen, wobei sie einige für Illustrationen vorbehaltene Bereiche offen ließen. Andererseits muss darauf hingewiesen werden, dass sie nicht nur Räume aussparten, sondern auch mit entsprechenden Skizzen weitere Miniaturen entwarfen oder vorbereiteten. Genauer gesagt die auf den Blättern 72v, 73v, 80v, 81, 82v, 86v und 93. Diese Miniaturen wurden in Katalonien vollendet. Die sieben Illustrationen zeigen eine gemischte oder hybride Kunst. Mit Ausnahme des letzten und besonderen Blatts 93 wurden die Miniaturen dieser Psalmen vollständig von der englischen Werkstätte gezeichnet, wobei ein katalanischer Meister, den man heute als Ferrer Bassa identifizieren kann, den Auftrag erhielt, die Bilder des 12. Jahrhunderts zu kolorieren. Das Endergebnis war die ausgesprochen seltene Synthese zwischen der anglo-byzantinischen Kultur um 1200 und den italianisierenden Malformen um 1300.
 
2. Ferrer Bassa, der im zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts in Barcelona tätig war, dürfte seine Laufbahn zwischen 1315 und 1320 begonnen haben. Heute kann er als bedeutendster Maler der katalanischen Protorenaissance angesehen werden. Seine notwendige Reise nach Italien und seine Zugehörigkeit zur Gruppe der von den Aufträgen des Adels begünstigten Künstler machen ihn zur Hauptfigur einer im Umbruch begriffenen Kunstszene. Die Kenntnis der prächtigsten und kreativsten Malerei des italienischen Trecento hinderten also Ferrer Bassa nicht daran, sich auf ein vielversprechendes Abenteuer einzulassen, das mit der Nachbearbeitung von Miniaturen aus dem 12. Jahrhundert verbunden war. Ganz im Gegenteil dürfte die Attraktivität des ältesten Teils des Buchs dem sensiblen katalanischen Meister nicht entgangen sein, der sich von einigen der bedeutsamsten Züge einer alten Kunst beeinflussen ließ, aber einfach an einige der byzantinischen Realitäten anknüpfte, die er persönlich während seines Aufenthalts in Italien aus erster Hand hatte kennenlernen können.
 
3. Die byzantinische Dimension der englischen Malerei wurde von den Pinseln eines Ferrer Bassa neu interpretiert, der sich dabei von einer anderen Leidenschaft tragen ließ, die mit den neuen Formen der Raumgestaltung verbunden war. Seine Landschaftsvision hat einen naturalistischeren Charakter und insgesamt werden wir eine größere Stimmigkeit zwischen dem Volumen der Figuren und dem Ort, an dem diese angeordnet werden, feststellen können. Die Monumentalität und der Charakter einiger englischer Personen ließen Ferrer Bassa jedoch nicht unbeeindruckt, der ebenfalls andere Ressourcen, Ideen und Kompositionen nutzte, die ihm die alten Meister des späten 12. Jahrhunderts auf den Psalterseiten selbst anboten.
 
Wie wir bereits gesagt haben, fließen auf sieben Miniaturen des Buches der um das Jahr 1200 gestaltete Raum und die malerischen Formen des 14. Jahrhunderts zusammen. Die englische Schablone veränderte die Ergebnisse der katalanischen Malschule, die architektonische Elemente, Dispositionen und Proportionen dieser älteren Kunst akzeptieren musste. Insgesamt können wir bekräftigen, dass es Ferrer Bassa gelang, das ganze Potential der von der englischen Werkstatt übernommenen Zeichnungen auszuschöpfen, ohne die Axiome seines italienisch geprägten Stils aufzugeben.
 
Blatt 93 (Psalm 53, Tafel 3) ist unentbehrlich, um den Übergang zwischen den zwei Bilderwelten zu verstehen, die sich auf dengemeinsam geschaffenen Folios des Buchs unauflösbar verschränkt haben. In dem oberen Register nimmt man noch das Aufeinandertreffen von englischer Zeichnung und dem Farbspektrum Bassas wahr, während in dem unteren, die Geschichten von David und Saul beispielhaft für den sich von der englischen Zeichnung emanzipierenden Stil stehen, der alleine dem katalanischen Meister und einem seiner getreuesten Nachfolger zu verdanken ist.
 
3. Der Beitrag von Ferrer Bassa: die Prachtfülle der katalanischen Protorenaissance
 
Das Aufeinandertreffen zweier Hauptfaktoren —der toskanischen Kultur des 14. Jahrhunderts und der von 1180 bis 1200 relevanten anglo-byzantinischen Modelle— hinterließen grundlegende Spuren in Ferrer Bassas Malstil. Die einzigartige Annäherung an vor mehr als einem Jahrhundert angefangene Werke erklärt die Intensität einiger ihrer Gesichter und die Spezifität dieses Malers gegenüber den zeitgenössischen italienischen Werkstätten, sichtbar in seinen Schöpfungen wie etwa der verloren gegangenen Krönung Mariens von Bellpuig.
 
Ferrer Bassa hält sich sicherlich schon gegen 1333 in Katalonien auf. In diesen Jahren wird er im Auftrag von König Alfons dem Gütigen die Usatges de Barcelona i Costums de Catalunya (Gepflogenheiten Barcelonas und Bräuche Kataloniens) illustrieren. Die Verbindung des Malers zum Hof setzt sich zu Zeiten des 1336 gekrönten Peter des Zeremoniösen fort und bietet uns einen überschaubaren zeitlichen Rahmen, um die komplexe Vollendung des Kommentierten anglokatalanischen Dreifach-Psalters einzuordnen. Dabei sollten wir nicht vergessen, dass sich König Peter in seiner Chronik als „anderer David“ bezeichnen ließ. Die Bilder des betenden König David, die in einigen Initialen des Psalters erscheinen, können mit dem höfischen Kontext verknüpft werden, für den das prächtige Buch bestimmt sein konnte. In ihm kommen häufig Anspielungen auf die Königswürde und Vergleiche zwischen den Ereignissen des Alten und des Neuen Testaments vor.
 
Ab Psalm 53 waren die den Miniaturen vorbehaltenen Bereiche Tummelplatz für die katalanische Malschule. Frei von den englischen Skizzen entfalteten Ferrer Bassa und eine treu seine Lehren befolgende Gruppe von Miniaturisten eine spektakuläre Kenntnis der piktorischen Ressourcen des italienischen Trecento. Die so entstehende bassianische Schule, in der Arnau, der Sohn Ferrers, noch nicht mitwirkt, gestaltet den zweiten Teil des Manuskripts. Das mit Utrecht verknüpfte Modell existiert nicht mehr und es kann nicht mehr garantiert werden, dass selbst wenn seine Ansätze bekannt sein sollten, diese auch umgesetzt worden wären. Die katalanische Werkstätte gestaltet die Sicht auf die Themen der Psalmen neu. Allerdings bleibt die englische Lektion nicht folgenlos und in gewisser Weise fließt ihre Komplexität in die Sichtweise der neuen Epoche ein.
 
Ferrer Bassa überarbeitet das Material des Psalters, um es auf eine besondere Formel zu bringen, die auf der Nebeneinanderstellung von Vignetten unterschiedlicher Komposition und Größen basiert. Charakter und die Herkunft der Themen sind nicht immer identisch. Zu den narrativen Themen mit auf den ersten Blick biblischem Hintergrund werden auch andere hagiographischen, exegetischen, liturgischen oder sakramentalen Charakters hinzugefügt (Tafel 4), obgleich die Regelmäßigkeit in der Darstellung der Szenen aufrecht erhalten bleibt und ihre Beziehung zu den Schemata hervorhebt, die bei der Wandmalerei und auf den Altären sichtbar sind. Es ragen auch einige Szenen klar apokalyptischen oder eschatologischen Charakters heraus, wo wir die Kämpfe des Erzengels Michael mit den bösartigen Wesen oder eine höfische Himmelswelt als Gegensatz zu dem unterirdischen Chaos der Hölle dargestellt sehen.
 
Andererseits und nach der Analyse des Werdegangs von Ferrer Bassa und der verschiedenen Register seiner katalanischen Produktion erscheint der Kommentierte anglo-katalanische Dreifach-Psalter als das Schlüsselwerk, dasjenige, das besser als jedes andere die früheste und unmittelbar auf die Rückkehr des Meisters aus Italien folgende Etappe erklärt. In diesem Zusammenhang muss es Werken wie dem Stundenbuch von Maria von Navarra oder dem in der Pierpont Morgan Library (New York) aufbewahrten Polyptychon und selbstverständlich auch den Wandmalereien der Michaels-Kapelle in Pedralbes von 1346 vorausgehen. Die sicheren Ansätze des besten Ferrer Bassa, einige seiner sehenswertesten Modelle, werden augenfälligen Niederschlag im Werk seines Sohnes Arnau finden und − wenn auch weniger stark − andere ab 1340-1350 tätige katalanische Maler beeinflussen.
 
Die theologischen Untertöne und spitzfindigsten Aspekte des Buches müssen auf die Unterstützung durch einen Kleriker zurückgehen, eines herausragenden Kenners der Tiefen der christlichen Theologie. Dies kann dabei helfen, die Einzigartigkeit eines Werks zu erklären, in dem die Summe der verschiedenen Bildmaterialien keine Entsprechung im engeren Sinne in irgendeinem anderen erhaltenen Manuskript zu haben scheint. Die Illustrationen Bassas lassen uns ein ausgesprochen reiches und vielgestaltiges religiöses Panorama entdecken, aufgeschlossen gegenüber Fragen höchster Aktualität. Die kurz vorher gegründeten Orden finden ihren konkreten Niederschlag in dem Kodex, der weder andere mit dem Einsiedler- und kontemplativen Leben verbundene Aspekte noch Anspielungen auf die höchstrangigen Kleriker außer Betracht lässt.
 
Die Vollendung des Buches könnte mit den Interessen von Peter dem Zeremoniösen in Verbindung gebracht werden, aber bei dem von uns gemachten Ansatz darf man weder die Rolle seines Vaters, des Königs Alfons, noch die mächtige Persönlichkeit von dessen Bruder, des Erzbischofs von Tarragona, Joan de Aragó, vergessen. Die gotischen Psalter, oft verbunden mit großen Königen und Königinnen, folgten nicht der Tradition des Utrecht Psalters. Normgemäß tendierten die Programme zur Vereinfachung ihrer Inhalte, die oft nur noch ausgewählte Episoden des Alten und Neuen Testaments enthalten, unter Verzicht auf die Komplexitäten des karolingischen Modells. Innerhalb dieses Panoramas sticht der katalanische Teil des Kommentierten anglo-katalanischen Dreifach-Psalters noch einmal als ein wahrhaftig außergewöhnliches Werk hervor, das zwischen zwei unterschiedlichen Universen schwebt. Es handelt sich um eine abweichende Option, die sich von der alten Utrechter Tradition löst, aber auch um eine seltsame Option, wenn man den Vergleich mit den bekanntesten Psaltern der gotischen Zeit anstellt. Der Bezug zwischen dem Text und den Bildern wird erneuert. Es verzichtet auf die wörtliche Umsetzung des Textes, um mit der Kontemplation der einfach erkennbaren Episoden zu spielen, aber verzichtet gleichzeitig nicht darauf, subtile Verbindungen herzustellen, die Blatt für Blatt im Licht der Quellen und Schriften, die ihre Existenz rechtfertigen, interpretiert werden müssen.
 
Von einigen als das gelungenste Exemplar einer englischen „Renaissance“ des 12. Jahrhunderts eingestuft, Höhepunkt einer figürlichen und malerischen Kultur höchsten Niveaus, ist der Kommentierte anglo-katalanische Dreifach-Psalter aus Paris auch ein wesentliches und absolut unverzichtbares Werk, um das katalanische Trecento des 14. Jahrhunderts zu verstehen. Es handelt sich um eine Produktion, die als opulent oder prunkvoll, Zeichen eines glanzvollen Luxus eingestuft werden könnte, aber es muss auch verstanden werden − weit über seinen ins Auge fallenden materiellen Reichtum hinaus − als ein bedeutsames, brillantes und klares Werk, in dem sich kategorisch die beste Malerei zwei verschiedener Etappen widerspiegelt. Diese verabredeten sich und teilten in ausgesprochen verschiedenem Sinn die Räume eines einzigartigen Psalters, der der Arbeit zweier künstlerisch zu beneidenden Werkstätten vorbehalten blieb.
 

Die Farbabbildungen zu diesem Beitrag sind dem Faksimile entnommen, das der Verlag Moleiro, Barcelona, im Jahre 2004 von dieser Handschrift herausgegeben hat. Die Redaktion dankt dem Verlag für die Genehmigung zur Abbildung.


 

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