Splendor Solis

Splendor Solis f. 13v, Bergwerk (Tafel 5)

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f. 13v, Bergwerk (Tafel 5)

Unter einem dramatisch bewölkten Himmel, aus dem eine matte Sonne hervorbricht, erstreckt sich eine weite Gebirgslandschaft, in der sich leuchtend grüne Ebenen und schroffe Bergmassive abwechseln. Das Zentrum der kreisrunden Miniatur nimmt eine Felsformation ein, die zwei mannshohe Höhlen aufweist. An beiden Öffnungen bearbeiten Bergleute den Fels mit einer Spitzhacke und strahlen aufgrund ihrer Kapuzenkleider – links in Silber, rechts in Gold – etwas Zwergen- oder Gnomenhaftes aus. Im Vordergrund fließt ein dunkelviolettes Gewässer, in dem, einem Boot gleich, eine schmale, metallisch glänzende Mondsichel schwimmt.

Eingefasst wird das runde Hauptbild durch einen gemalten hölzernen Rahmen mit geschnitzten Schmuckelementen, darunter Fischwesen, ornamentalen und figürlichen Reliefs, Porträtmedaillons sowie in Holz skulptierten und lebendigen Putten. Daneben bietet die Rahmenbasis Raum für eine gemalte Nebenszene: Dargestellt ist, wie auch die Inschrift der beiden Namen „HASVEROS“ und „ESTHES“ bestätigt, jene Episode aus dem Buch Esther des Alten Testaments, in der die Jüdin Esther vor den Thron König Ahasvers tritt, zuerst, um von ihm zu seiner Gemahlin und Königin erhoben zu werden (Buch Esther 2, 15-17), und dann erneut, um eine Verschwörung gegen die Juden abzuwenden (Buch Esther 5, 1-4).
Als Tondo weist die Hauptminiatur eine für den Splendor Solis ungewöhnliche Form auf, die einer Federzeichnung von Hans Holbein dem Jüngeren im British Museum zu London entlehnt ist, die ebenfalls mit Kapuzenröcken bekleidete Knappen bei der Bergwerksarbeit zeigt. Überdies finden die gold- und silberfarbenen Knappen ihre direkten Vorläufer in einer Darstellung der Aurora Consurgens.

Die Miniatur ist als metallurgische Allegorie zu verstehen. Sie rekurriert auf das unter Alchemisten kursierende Diktum von der so genannten VITRIOL-Formel – V(isita) I(nteriora) T(errae) R(ectificando) I(nvenies) O(ccultum) L(apidem) –, nach welcher der verborgene Stein der Weisen im Innern der Erde zu finden sei. Die beiden Bergleute verkörpern sowohl Adepten auf der Suche nach der Urmaterie, aus welcher der Lapis Philosophorum, der Stein der Weisen, gewonnen werden kann, als auch die wirkmächtigen Polaritäten der Alchemie, Sonne und Mond, Schwefel und Quecksilber sowie die Endprodukte der Metallverwandlung, Gold und Silber. In der schwimmenden Mondsichel ist das in der Alchemie auch als Lebendiges Silber (Argentum vivum) bezeichnete Quecksilber dargestellt. Die Estherszene in der Rahmenbasis scheint auf den ersten Blick nicht mit dem Inhalt der Hauptminiatur verbunden zu sein; Petra Schramm allerdings interpretiert sie als ihre inhaltliche Ergänzung, indem sie die Chymische Hochzeit des Königspaares Esther und Ahasver als vollkommene Vereinigung der oben genannten Polaritäten betrachtet.

Jörg Völlnagel
(Kunsthistoriker, Staatliche Museen zu Berlin)


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