Splendor Solis

Splendor Solis f. 2r, Arma Artis (Tafel 1)

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f. 2r, Arma Artis (Tafel 1)

Die Eingangsminiatur zeigt zwei ins Gespräch vertiefte bärtige Männer, die an der Schwelle eines hohen Torbogens stehen, hinter dem sich eine Hügellandschaft und ein hoher Himmel öffnen. Das Portal gehört zu einem architektonischen Komplex, der größtenteils von einer langen, purpurfarbenen Stoffbahn mit goldener Borte verdeckt wird. Vor dem roten Stoff, der als überhöhender Fond fungiert, sind die Bestandteile eines Wappens gruppiert: zuunterst ein blauer Wappenschild mit goldener Sonne, die in ihrem Corpus drei weitere kleine runde Sonnengesichter trägt. Über dem Schild befindet sich ein silberner Helm, von blauem Akanthuslaub mit goldenen Sternen geschmückt und mit einer mächtigen goldenen Krone bekrönt. Im Scheitel der Krone liegen, nach oben geöffnet, drei silberfarbene Mondsicheln, die konzentrisch angeordnet sind. In den Mittelpunkt der Sicheln ragt von oben die Spitze eines Sonnenstrahls, der von einer großen goldenen Sonne mit freundlich, aber ernst blickendem Gesicht ausgeht, die den durchkomponierten Aufbau der Wappeninsignien zuoberst beschließt.

Bei dem Wappen handelt es sich nicht um dasjenige des Auftraggebers, dessen Farben üblicherweise den Beginn einer Handschrift zieren, sondern um ein Fantasiegebilde, das den Codex der Sonne widmet. Dieser Umstand wird von der Beobachtung bestätigt, dass das Wappen aus einer Miniatur der alchemistischen Handschrift Aurora Consurgens akribisch kopiert wurde, im Splendor Solis allerdings um die architektonische Umgebung erweitert, für die der Maler als Vorlage auf einen Kupferstich von Hans Sebald Beham zurückgegriffen hat.

So wie der Leser und Betrachter der Handschrift mit der Eingangsminiatur im Begriff steht, die Lektüre des Buches zu beginnen, so befinden sich die beiden wissbegierigen Adepten am Torbogen auf der Schwelle zum von der Sonne dominierten Reich der hermetischen Alchemie. Die Bezeichnung der Miniatur mit den Worten „Arma Artis“ (Die Waffen der Kunst) und die Darstellung von Sonnen und Mondsicheln verweisen auf die kosmische Kraft der Planeten, insbesondere auf Sol, Luna und Merkur, die in ihrem Einfluss auf die Metalle zu den natürlichen Werkzeugen der Alchemie gehören und hier die „Waffen“ der auch als „Königliche Kunst“ bezeichneten Alchemie genannt werden.

Jörg Völlnagel
(Kunsthistoriker, Staatliche Museen zu Berlin)


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