Stundenbuch von Karl von Angoulême

Stundenbuch von Karl von Angoulême Kalender: September, Ein eigentümliches Paar (f. 5r)
 

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Kalender: September, Ein eigentümliches Paar (f. 5r)  

Das Bild über dem Fußsteg des Monats September zeigt einen grauhaarigen Mann, der sich an eine junge Frau heranmacht. Diese trägt einen Brautkranz und hält in einer Hand eine Weinrebe. Der Alte seinerseits erhebt einen Weinbecher und drückt einen mit Äpfeln gefüllten Korb an seine Brust, während er die Hand der jungen Dame streichelt. Die um ihn schwirrenden Fliegen deuten vielleicht darauf hin, dass ihn sein Verlangen genauso frenetisch verzehrt wie der Tanz der Insekten. Die Szene ist im Freien angesiedelt und der einzige Beobachter ist ein Hund, der das Paar durch ein offenes Fenster betrachtet.

Robinet Testard benutzte erneut einem von dem Meister der Amsterdamer Schule kopierten Stich, dessen Thema das eigentümliche Liebespaar ist. Die Darstellung eines Manns oder einer Frau im fortgeschrittenen Alter mit einer weitaus jüngeren Person war seit der Antike ein populäres literarisches Sujet. Nicht so sehr hingegen in der Kunst und der nordische Stich des 15. Jahrhunderts war eines der Genres, das ihm im Abendland zu einer bislang nicht vorhandenen Verbreitung verhalf. Der Graveur behandeltete dieses Thema in beiden Varianten, indem er einen anderen ähnlichen Stich schuf, wo eine Alte einen Jüngling verführt. Auf dem Testard als Inspirationsquelle dienenden Stich […] reagiert die junge Frau weitaus subtiler, so als ob sie sich ihm nur widerwillig hingeben würde, obgleich ihre linke Hand den Goldbeutel hätschelt. Robinet Testard  schwächt den merkantilen Aspekt der Angelegenheit leicht ab, doch tatsächlich hält er die Vorstellung von einer widernatürlichen Verführung aufrecht, verstärkt sie sogar, indem er um den Mann Fliegen schwirren lässt, die in dem Originalstich fehlen. Er hat die Szene in einem anderen gesellschaftlichen Umfeld angesiedelt, was ihm ermöglicht, sie an die klassische Ikonografie des Monats September anzupassen: der Wein, die Weinrebe und Äpfel spielen auf die wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse an, die von den Bauern in diesem Monat geerntet werden. Wie auch im Monat August kann diese Darstellung als Teil eines Fests ausgelegt werden, bei dem nach Erledigung der in dem Monat zu verrichtenden Arbeiten Wein im Überfluss genossen wurde. Allerdings ist die spöttische Anspielung auf dieses bäuerliche Paar deutlich zu erkennen, ergänzt von einer gewissen moralischen Entrüstung über dieses von Interesse genährten Bundes, bei dem die Äpfel das Gold als Tauschobjekt abgelöst haben. 

Séverine Lepape
Konservatorin - Musée du Louvre


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