Stundenbuch von Karl von Angoulême

Stundenbuch von Karl von Angoulême Kalender: August, Eine alte Frau in einer Schubkarre transportierender Bauer (f. 4v)

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Kalender: August, Eine alte Frau in einer Schubkarre transportierender Bauer (f. 4v)

Ein Bauer schiebt in einer Schubkarre eine alte Frau, die eine Flasche, eine Gabel und einen zum Korndreschen bestimmten Dreschflegel festhält. Die Szene spielt in einem Innenraum, sicherlich in einer Scheune, worauf aufgrund der Weizengarben rechts zu schließen ist. Zweifelsohne ist die alte Frau betrunken. Sie hat vom Inhalt der Flasche zu viel getrunken, die sie vielleicht dem Herrn gestohlen hat, für den sie arbeitet (in der Mitte der Flasche ist ein Wappen zu sehen), dass sie jetzt nicht mehr laufen kann, da sie ihr Kollege in einem Schubkarren transportiert. Es sei denn, er wäre auch trunken und vergnügt sich damit, sie so zu transportieren.

Selten sind die Miniaturen, auf denen für die Kalendermonate Bauern gezeigt werden, die den Anstand verlieren. Häufig werden sie bei der Verrichtung ihrer Arbeiten, folgsam ihren Rücken über das zu bestellende Land gebeugt, dargestellt. Wenn sie sich vergnügen, sind ihre Spiele gewöhnlich völlig unanstößig: sie tanzen. Auch in diesem Fall ist die Tatsache, dass Robinet Testard diese Miniatur auf der Grundlage eines Modells gestaltet hat, dieser deutlich weniger idyllischen Sicht des Bauernschicksals nicht fremd. Der Autor hat einen Stich des Meisters der Amsterdamer Schule aufgegriffen, kopiert von dem Meister BXG, der dasselbe Thema behandelte, obgleich mit einigen Abwandlungen […] Eher als die Miniaturisten waren die deutschen Kunstgrafiker des 15. und 16. Jahrhunderts keinesfalls nachsichtig mit den Landleuten, die sie lächerlich machten. Sie zögerten nicht, sie missgebildet, schmutzig, ungepflegt, lüstern, raffgierig, sich berauschend, ein Bordell aufsuchend oder streitend darzustellen. Manchmal stellten sie sie auch mit den Attributen der Gestalt des Wahnsinnigen dar. Ende des Mittelalters war die Gesellschaft diesem dritten Stand schon nicht mehr so wohlgesonnen, der vorher von einigen Theologen als tugendhafte Säule eines Systems angesehen wurde, das nicht auf ihn verzichten konnte. Das von dem Hundertjährigen Krieg aufgewühlte Europa sah in der Tat verschiedene Bauernbewegungen, die sich von ihrem Schicksal zu emanzipieren versuchten, indem sie gegen die Steuererhebungen oder die Plünderung der Felder aufbegehrten, zum selben Zeitpunkt, zu dem das aufstrebende städtische Bürgertum in Wettstreit zu der traditionellen Ritterschaft trat. Der Wille zum sozialen Aufstieg wurde von den oberen Ständen erbarmungslos verurteilt, da es in der Zeit des Mittelalters nichts Schlechteres vor allem für den Adel, Auftraggeber von grafischen Werken und Büchern, gab, als seinen Stand zu verlassen. 

Séverine Lepape
Konservatorin - Louvre-Museum

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