Brevier von Isabella der Katholischen

Brevier von Isabella der Katholischen f. 6v, November

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f. 6v, November

Der Kalendertext für den Tag, an dem die Sonne das Sternbild des Schützen erreicht, weist aufgrund des seit dem 14. Jahrhundert spürbaren Einflusses von Andachtsbüchern mit Bezug zur Monarchie oder dem französischen Hochadel drei Farben – gold, blau und rot – auf.

 

Eine erzählenden Randverzierung, auf der die im Monat November vom Bauern zu verrichtenden Arbeiten abgebildet sind, rahmt den Text ein. Im oberen Bereich befindet sich eine Schützendarstellung als ein Ungetüm – halb Mensch, halb Tier - mit menschlichem Oberkörper, Paarhuferbeinen einer Ziege und Pferdeschwanz, dessen Haupt und Schultern angespannt sind, um einen Pfeil abzuschießen. In diesem Sinne ist nicht versucht worden, das Sternbild von einem wissenschaftlichen Modell ausgehend darzustellen – neben vielen anderen Aspekten ist das Fehlen der es bildenden Sterne hervorzuheben – sondern vielmehr unter einem pittoresken und anschaulichen Perspektive. Es stellt einzig und allein darauf ab, den Lauf der Zeit und den Einfluss zu zeigen, den die Sterne auf den Menschen ausüben, ohne jedoch seine Persönlichkeit festzulegen, die von seinem Willen und der Gnade Gottes abhängt. Die Arbeiten und Vergnügungen der Monate spiegeln den jahreszeitlichen Wechsel aus der Sicht einer von der Landwirtschaft geprägten Gesellschaft, in der Aussaat und Ernte das Leben der Menschen bestimmen und die von Gott bereits Noah verheißene, sich stetig wiederholende Zeit (Gen. 8:22) geschätzt wird. Daher muss die Bedeutung berücksichtigt werden, welche die Landschaft aus künstlerischer Sicht zu Beginn des zweiten Drittels des 14. Jahrhunderts erlangt: so ist unter den Manuskripten mit Malereien das erste erhaltene Exemplar, das verschiedene Monatswidmungen mit der Landschaft verknüpft, das Brevier von Belleville (Paris, Nationalbibliothek, ms. Lat. 10483), das um 1330 von Jean Pucelle in Paris illuminiert wurde, in mehreren späteren Manuskripten kopiert, wo anhand der zwölf Monate in ausgesprochen schematischer Form der Wandel der Natur im Laufe des Jahres beobachtet werden kann, was schließlich in einer weitaus tiefgründigeren und detaillierteren Betrachtung in Très Riches Heures de Duc de Berry (Chantilly, Musée Conde, ms. 65) gipfeln wird. Um schließlich in dem ebenfalls dem Meister des Dresdner Gebetbuchs zugeschriebenen Stundenbuch Voustre Demeure (Madrid, Nationalbibliothek, ms. Vit. 25-5) einen weitaus radikaleren Ansatz zu erreichen, wo auf den Folios mit den Konstellationen des Sternenhimmels die menschliche Figur verschwindet und die Natur zum wahren Hauptdarsteller wird. In dem von einem Maler aus der Werkstatt des Meisters des Dresdner Gebetbuchs angefertigten Brevier von Isabella der Katholischen, nimmt die Darstellung der Monate unter Beachtung seiner Lehre in dem Stundenbuch, das diesem Maler gemeinen Namens erst seinen Namen gibt (Dresden, Sächsische Landesbibliothek, Ms. A 311) ein ganzes Folio ein. Die Novemberdarstellung weist, genauer gesagt, geschickt verknüpfte, vielfältige Perspektiven auf: ein sehr hoher Betrachtungspunkt des Betrachters und fast auf dessen Höhe festgehaltene Gestalten, was einer zufriedenstellenden Aneinanderreihung von Ebenen gehorcht. Das für diesen Monat ausgewählte Sujet ist das traditionsreiche der Tiermast: eine weitläufige und hohe Landschaft, in deren Hintergrund ein Gebäude auszumachen ist, das einem Adeligen oder Großbürger gehören mag, das durch Zäune aus geflochtenen Weiden von den anderen Teilen des Anwesens abgegrenzt ist. Dort erscheint ein Bauer, der eine Schweinsherde auf die Weide treibt; weiter unten ein anderer, der gerade mit einem Bürger ein Geschäft über Schweine abschließt und schließlich ein Schweinehirt, der eine andere Herde hütet und gleichzeitig die zwei ihm gegenüberstehenden Stiere weiden möchte. In der Bildmitte befindet sich ein Wald – teilweise von dem Kalendertext verdeckt – der zu dem Anwesen des Grundherrn gehört und insbesondere zum Holzmachen, als Weide für die Herden oder auch als Jagdrevier dienen kann. Innerhalb einer elitären Kunst, die versucht, die Standesunterschiede besonders hervorzukehren, sind die Bauern nicht nur an ihrer Bekleidung, sondern auch an ihren herben Gesichtszügen gegenüber den feineren des Bürgers, der gerade die Schweinsherde erwirbt, zu erkennen.

 
 
 

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